So, hier nun endlich der erste Tagebuchpost. Ich hab zwar erst nach ca. zwei Wochen angefangen, richtig Notizen zu machen, aber zum Glück mache ich immer und überall Fotos. Die sind 'ne gute Gedächtnisstütze.
Tag 1 - Donnerstag, 07. August 2014
Irgendwo in einem kleinem Dorf zwischen Dresden und dem Elbsandsteingebirge
ist der Inhaber dieses Blogs schwer damit beschäftigt, alles vermeintlich Wichtige
zusammenzupacken und auf seinen Laptop zu laden. Eigentlich wollte er ganz früh
am Morgen schon los, aber da er rumtrödelt bestmöglich
vorbereitet starten will, verzögert sich das ganze bis nachmittags um 4.
Pünktlich zum Regen, der sich aber netterweise in Grenzen hält. Und der kürzeste
Weg runter zur Elbe ist zum Glück schon bekannt.
Ich fahre also über die offene Grenze, deren Grenzsäule noch die
Tschechoslowakei anzeigt und baue auf einer Sandbank direkt an der Elbe zum
ersten Mal mein Zelt auf. Nein, ich habe es vorher nie ausprobiert. Und finster wird es auch. Ich fluche vor mich hin, was ich mir
da eingebrockt habe und wie zur Hölle der Krempel mal ein dreidimensionales
Gebilde ergeben soll, kriege es aber irgenwann doch gebacken. Learning by doing. Ein paar andere
Bilder und allgemeine Worte zum Vorhaben gibt's im Einführungspost.
Blogpost: Und los geht's!
Tag 2 - Freitag, 08. August 2014
Das Handy weckt mich kurz vor Sonnenaufgang. Schließlich steht für heute viel auf dem Plan: Irgendwann abends will ich in Prag eintrudeln und
dank der Verspätung von gestern gibt es viel aufzuholen. Ich krieche raus ins
Freie, es ist kalt und neblig. Das Zelt ist nass, denn es hat geregnet.
Irgendwie muss das jetzt zusammengerollt werden und wieder in den komischen
Beutel da rein. Auf dem Kärtchen an der Kordel steht: "Das Zelt unter
vollkommen trockenen Bedingungen aufbewahren!" Ja... wie denn? Soll ich's etwa föhnen? Nachdem ich die Plane zum Trocknen irgendwie über dem Gepäckträger
ausgebreitet habe, fahre ich los. Dieses ganze Auf- und Abgebaue und Getrockne... Läuft das
jetzt immer so? Irgendwie habe ich jetzt schon keine richtige Lust mehr. Aber
ich weiß: Vieles wirklich Großartige fängt erstmal beschissen an und der Mensch braucht gar nicht mal so lange, um sich umzugewöhnen. Also schön
geduldig sein, mal schauen wie es in ein paar Tagen aussieht.
Ein Schwarm Vögel begleitet mich im Tiefflug, während hinter mir die Sonne über den Bergen aufgeht und alles in ein magisches Licht taucht... Irgendwie ist ja eigentlich doch alles in Ordnung.
Ein Schwarm Vögel begleitet mich im Tiefflug, während hinter mir die Sonne über den Bergen aufgeht und alles in ein magisches Licht taucht... Irgendwie ist ja eigentlich doch alles in Ordnung.
Es geht immer weiter nach Süden Richtung Prag, die Route wird mit Hilfe der
Karte im GPS-Gerät zusammengezimmert. Es wird heiß und ich radle oben ohne, die
Tschechen laufen schließlich auch so rum. Es geht über Felder und durch Dörfer, meistens
leicht bergauf und bergab, manchmal auch an der Elbe entlang. Am Straßenrand
lassen sich immer wieder leckere Äpfel pflücken. Untwerwegs werde ich zweimal von irgendwelchen leinenlosen Hunden gejagt, schon erstaunlich was für Energiereserven sich im Notfall noch freisetzen lassen.
Nachmittags komme ich an zwei seltsamen Orten vorbei: Über dem Dorf Želízy thronen zwei riesige, in den Sandstein gehauene Köpfe wie eine Art Mini-Mount-Rushmore und unter einer Kirche in Mělník liegen die Schädel und Knochen von über 10000 Leuten rum. Infos und Bilder hier:
Blogpost: Knochen
Seltsam
übrigens: Ich hätte gedacht, dass man irgendetwas fühlt, wenn man vor
diesen menschlichen Überresten steht, aber... nö. Nach ein paar hundert
Jahren sind die Knochen dieser anonymen Leute aus den Mittelalter
einfach nur noch Dinge... Im Anschluss wird der erste Einkauf getätigt und
nach ein paar weiteren Stündchen komme ich dann schließlich spät abends
in
Prag an.
Tag 3 - Samstag, 09. August 2014
Mitternacht: Keines der billigen Hostels hat noch einen Platz frei. Ich bleibe also wach und erkunde die Stadt. Den reich bebilderten Artikel mit einer kleinen "Stadtführung" gibt's hier:
Besonders fahrradfreundlich ist die Stadt übrigens nicht. Bordsteine vor Zebrasteifen absenken? Ach, wieso denn auch. Und grobe Kopfsteinpflaster sind auch
außerhalb der Altstadt schön. Ach, und apropros Zebrastreifen: Auf einem hat irgendjemand seine Tüte Obst verloren, ich lasse sie mir schmecken. Lecker Banane und Aprikose.
Mittag: In einem Imbiss bestelle ich mir ein Schnitzel mit Pommes, stelle kurz darauf fest, dass ich lieber Reis dazu gehabt hätte und schlafe während der Wartezeit fast ein. Das Schnitzel ist grauenhaft, die Remoulade aber göttlich. Danach wird sich nach Süden aus der Stadt gekämpft - Das Zentrum war ja wunderbar, aber der Weg wieder nach draußen ist furchtbar unschön und unübersichtlich. Schließlich gelange ich aber wieder an ein Flussufer mit Radweg. Auf einer Bank liegt schon wieder eine Tüte Obst für mich, diesmal Äpfel.
Gegen Abend: Die gute Laune hält sich in Grenzen und ich bin total fertig. Was aber auch irgendwie zu erwarten ist, wenn
man seit über 30 Stunden wach und nur auf Achse ist. Wieder kommen diese Zweifel, ich frage mich, warum ich das hier überhaupt mache. Aber: Bei Schlafmangel wird man negativ, morgen sieht's bestimmt wieder besser aus. Später, während des Sonnenunterganges, komme ich an einem Jazzkonzert auf einer Aue in der Abendsonne vorbei, das hebt die Stimmung wieder... Einfach mal ein Weilchen rumsitzen, entspannen und den Moment genießen. Ich radle dann noch ein Wenig bis es dunkel wird, auf einer Fußballwiese mitten im Wald schlage ich das Zelt auf. Jetzt ist erstmal Ausschlafen angesagt.
Tag 4 - Sonntag, 10. August 2014
Das Zelt ist wieder nass, aber diesmal lässt sich's über dem Fußballtor in der Morgensonne trocknen. Freude herrscht. Und weiter geht's, und zwar nach Pilsen. Neben vielen "Ahoi"-sagenden Tschechen begegnet mir auf dem Weg auch ein ebenfalls radreisender Franzose, der nach Prag will. Ich weise ihm den Weg.
Gegen Mittag stelle ich fest: Heute ist der Tag der geschlossenen Geschäfte (Was für eine Unsitte!) und es ist heiß. Ich versenke mein T-shirt im nächsten Brunnen und ziehe es wieder an. Kalt! Prinzipiell wirkt's, aber ein langärmliges Shirt wäre hierfür wohl sinnvoller. Nur das Gesicht muss man sich eben selbst kühlen. Etwas später liegen ein paar Discounter auf dem Weg, die trotz Sonntag geöffnet haben. Mal Brötchen holen und vor Allem abkühlen da drin.
Diese Etappe folgt übrigens einem Fernradweg, der zwar nicht immer den kürzesten Weg nimmt, aber dafür ziemlich viel Abwechslung bietet. Hier und da geht es mal durch den Wald, zwischendurch an ein paar Seen und einer versteckten Kirche vorbei. An letzterer sehe ich zum ersten Mal seit Jahren wieder ein Haferfeld. Wo kommt der ganze Hafer eigentlich sonst immer her?
Kleine Dorfläden liegen auch immer wieder auf dem Weg. Am späten Nachmittag finde ich sogar einen, der geöffnet hat. Drin sitzt ein Vietnamese. Euro akzeptiert er leider nicht, gebe ich eben die letzten 15 Kronen für ein Getränk aus. Draußen steht eine Gruppe entspannter Tschechen, von denen einer immer wieder reinkommt, gekühltes Bier holen. Hey, so lässt sich's eigentlich leben... Einer von ihnen nimmt mir gleich meine alte Wasserflasche ab und fragt wohl, wo die Reise hingeht. Leider versteh' ich kein Wort. Er redet unbeirrt weiter auf tschechisch auf mich ein und gibt mir irgendwie zu verstehen, dass es nach Pilsen 5 Meter zurück und um die Ecke geht. Cool, danke. Ich wäre sonst unnötig den Berg hochgekurbelt.
Abends reite ich in Pilsen ein. Die Infrastruktur hier ist so herrlich fahrradfreundlich! Kein Vergleich
zu Prag. Unterwegs knipse ich noch so ein angestrahltes Tor, das irgendwie wichtig aussieht. Später stellt sich heraus: Es ist das Tor zur Brauerei, also tatsächlich irgendwie wichtig. Schließlich hat das Pilsner seinen Namen von dieser Stadt.
Ich bleibe für zwei Tage hier bei einer Freundin in der WG. Ein Dach über dem Kopf! Eine Matratze! Elektrischer Strom! Ein Badezimmer! Jawoll.
Tag 5 - Montag, 11. August 2014
Die zwei Damen und ihre drei Katzen sind hier erst frisch eingezogen und haben daher noch kein Internet. Such' ich mir halt später einen Hotspot, wenn es was zu regeln gibt. Erstmal chillen und panierten Broccoli konsumieren: Ist nicht nur essbar, sondern schmeckt sogar. Wow. Draußen schifft es derweil ganz
gewaltig. Und ich bin im Trockenen! Ha! Wohl gerade rechtzeitig angekommen.
In Prag habe ich im Hostel so einen Stadtführer mit phonetischem Spaßwörterbuch auf der Rückseite bekommen: Tschechische Phrasen so umgeschrieben, dass ein Engländer sie halbwegs richtig aussprechen würde. Für Muttersprachler scheint das ziemlich witzig zu sein, die Mädels haben einen Heidenspaß. Wir kommen auf das Thema Sprachen allgemein zu sprechen und die beiden tragen mir ein paar tschechische Zungenbrecher zusammen.
Blogpost: Spaß mit Tschechisch
Abends ist das Wetter besser und ich gehe raus. In der Altstadt findet die Tage ein Musikfestival statt, auf
dem Platz vor der Kirche geben französische Schausteller Kunststücke mit einem
"Riesenrad" zum Besten. Besonders gut gefällt mir irgendwie die musikalische
Begleitung...


Vorm Schlafengehen schauen wir dann Disney's Tangled bzw. Rapunzel. Meine Idee war das nicht.
Tag 6 - Dienstag, 12. August 2014
Noch ein Bisschen ausruhen ~
Nachmittags geht's wieder raus, ich suche eine Wechselstube, um noch
eine kleine Handvoll Kronen einzustreichen. Und ein Wlan-Hotspot muss auch her. Ich frage in
der Touristeninformation, wo's denn hier mal Internet gibt. Feststellung:
Touristeninfos bieten in der Regel selbst kostenloses Wlan an. Mal merken, das
könnte noch nützlich sein. Ich regele noch so ein bisschen Krams bis der Laden
schließt, sitze danach noch ein paar Minuten im Schneidersitz davor auf dem Fußweg. Den Router haben sie angelassen. Danach mache ich mich auf den
Rückweg und schieße noch ein paar Fotos von den Fassaden in der
Abendsonne.
Tag 7 - Mittwoch, 13. August 2014
Zeit zum Weiterreisen. Ich kaufe noch ein Bisschen Krempel im Supermarkt und fange an, meine Ausgaben zu notieren. Vielleicht
stelle ich die irgendwann auch mal mit auf den Blog, mal sehen. Das Ziel übrigens: Unter 5€ am Tag bleiben.
Mit dem Handy fotografiere ich ein paar Preisschilder, um später mal mit Deutschland zu vergleichen.
Blogpost: Einkaufen bei den Tschechen
Der Radweg ist auf dieser Teilstrecke noch nicht fertiggestellt, an einer Stelle ist alles aufgebuddelt und sie bauen gerade dran. Ein Tscheche, der überraschend gut deutsch spricht, winkt mir aus seinem Garten zu und erklärt, wie man sich am besten an der Baustelle vorbeimogelt. Ansonsten folge ich vorwiegend Landstraßen. Abends mache ich es mir in einem alten Wartehäuschen mitten im Nirgendwo mit meinem Schlafsack "bequem". Vor dem Schlafen wird auf dem Laptop noch der tschechische Animationsfilm Alois Nebel geschaut, während es draußen stürmt und regnet.
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Das Motto meines Blogs. |
Ich bin doch genau zur richtigen Jahreszeit unterwegs. Der Wald ist voller Brombeeren! Nahe der Grenze liegt eine Ortschaft namens Babylon auf dem Weg. Während es regnet, bestelle ich mir ein Langoš: Eine eigentlich ungarische Spezialität, die aber auch in anderen osteuropäischen Ländern bekannt ist. Dazu gibt's ein original Pilsener Urquell, das musste einfach noch sein.
Die letzte tschechische Ortschaft ist dann voll mit Casinos und Verkaufsständen der Vietnamesen. Mittags überquere ich die Grenze zurück nach Deutschland - als nächstes ist Bayern
dran!
Und zum Abschied gibt's hier noch ein paar rückwärts radelnde Tschechen.